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Donnerstag, Mai 28, 2026

BYD in Verhandlungen über den Erwerb europäischer Fabriken. Könnte Polen auf der Liste stehen?

Der chinesische Automobilkonzern BYD befindet sich in fortgeschrittenen Verhandlungen über den Erwerb ungenutzter Produktionsstätten in Europa, darunter auch Werke im Besitz von Stellantis. Stella Li, Executive Vice President von BYD, bestätigte die Verhandlungen im Mai 2026 während der „Future of the Car“-Konferenz der Financial Times in London. Wie sie erklärte, ist BYD auf der Suche nach „jeder verfügbaren Fabrik in Europa“.

Für Investoren und Unternehmer, die in Polen tätig sind, ist dies ein Signal, das es genau zu beobachten gilt. Stellantis führt offiziell zwei polnische Werke – in Gliwice und Tychy – unter seinen wichtigsten Produktionsstätten in Europa auf und stellt Polen damit neben Frankreich, Deutschland, Italien und Spanien in das europäische Produktionsnetzwerk des Konzerns. Derzeit ist keines der polnischen Werke offiziell zum Verkauf ausgeschrieben oder als Teil der Gespräche mit BYD identifiziert worden. Angesichts des Tempos der Veränderungen innerhalb der gesamten Stellantis-Gruppe verdient der breitere Kontext jedoch eine sorgfältige Analyse.

Warum hat BYD ein Auge auf europäische Fabriken geworfen?

Die Strategie von BYD wird von mehreren sich überschneidenden Faktoren bestimmt. Der chinesische Automobilmarkt verliert eindeutig an Schwung. Nach Jahren starken Wachstums deuten die Prognosen für 2026 auf eine deutlich begrenztere Expansion hin, während die Verkaufszahlen zu Jahresbeginn bereits eine schwächere Entwicklung gezeigt haben. Gleichzeitig sieht sich die Branche mit strukturellen Überkapazitäten konfrontiert, was den Druck erhöht, zu exportieren und die Produktion außerhalb Chinas zu lokalisieren.

Europa ist für BYD ein vorrangiger Markt, doch Zölle stellen nach wie vor ein großes Hindernis dar. Die Europäische Union hat zusätzliche Ausgleichszölle auf aus China importierte Elektrofahrzeuge erhoben. Für BYD beträgt der zusätzliche Zoll 17 % zusätzlich zu den üblichen 10 % Zoll. Der Erwerb eines bestehenden europäischen Werks könnte die Belastung von BYD durch diese Kosten erheblich verringern, wobei die endgültigen Auswirkungen von der Produktionsstruktur, der Herkunft der Komponenten und künftigen EU-Vorschriften abhängen würden.

Der US-Markt ist für BYD aufgrund von Zöllen von über 100 % praktisch verschlossen, was die Rolle Europas in der globalen Strategie des Unternehmens weiter stärkt.

MARKTKONTEXT

Warum BYD ein Auge auf europäische Fabriken geworfen hat

27 %

Gesamter EU-Importzoll auf Elektrofahrzeuge von BYD

17 % Ausgleichszoll + 10 % üblicher EU-Zoll

100 %+

US-Zoll auf chinesische Elektrofahrzeuge

Der US-Markt ist für BYD praktisch verschlossen — damit wird Europa zum wichtigsten globalen Exportziel des Konzerns

BYD ist nicht der einzige chinesische Hersteller, der diesen Weg einschlägt. Medienberichten zufolge hat Geely Gespräche über die Nutzung oder den Erwerb eines Teils der Produktionskapazitäten von Ford in Spanien geführt. Chery hat in Zusammenarbeit mit Ebro-EV Motors die Produktion im ehemaligen Nissan-Werk in Barcelona aufgenommen. Xpeng wiederum befindet sich in Gesprächen mit dem Volkswagen-Konzern und anderen Herstellern über Produktionsstandorte in Europa.

Stellantis-Werke in Polen: vier Produktionsstandorte

Um die potenziellen Folgen für Polen richtig einschätzen zu können, ist es wichtig, die Rolle zu verstehen, die das Land in der europäischen Produktionsstruktur von Stellantis spielt.

DIE ROLLE POLENS

Vier integrierte Stellantis-Standorte in Polen

01 · TYCHY

Pkw-Werk

Jeep Avenger, Fiat 600 und Alfa Romeo Junior — produziert mit Verbrennungs-, Hybrid- und vollelektrischen Antrieben.

EVHYBRIDVERBRENNER

02 · GLIWICE

Werk für große Nutzfahrzeuge

Teil des Stellantis-Geschäftsbereichs Pro One. Produziert Citroën Jumper, Fiat Ducato, Opel Movano und Peugeot Boxer — darunter emissionsfreie Varianten.

5 MARKENEMISSIONSFREI

03 · TYCHY

Antriebsstrangwerk

Produzierte im Jahr 2024 mehr als 474.000 Antriebseinheiten. Ein wichtiger Knotenpunkt im breiteren europäischen Komponenten-Liefernetzwerk von Stellantis.

474.000 EINHEITEN · 2024

04 · SKOCZÓW

Gießerei Teksid Iron Poland

Teil des umfassenden Energiewende-Programms von Stellantis für seine polnischen Standorte. Liefert Guss- und Komponentenprodukte innerhalb des Konzerns.

ENERGIEWENDE

In den polnischen Werken wird derzeit eine breite Palette umweltfreundlicher Fahrzeuge produziert, darunter Elektro- und Hybridmodelle wie der Jeep Avenger, der Alfa Romeo Junior und der Fiat 600 sowie Nutzfahrzeuge wie der Citroën Jumper und der Opel Movano. Insgesamt betreibt Stellantis vier Werke in Polen:

Tychy – Pkw-Werk

Hier hat Stellantis die Produktion des Jeep Avenger, des Fiat 600 und des Alfa Romeo Junior aufgenommen, die mit Verbrennungs-, Hybrid- und vollelektrischen Antrieben erhältlich sind.

Gliwice – Werk für große Nutzfahrzeuge

Diese Anlage ist Teil des Stellantis-Geschäftsbereichs Pro One und produziert Modelle für fünf Marken, darunter die emissionsfreien Fahrzeuge Citroën Jumper, Fiat Professional Ducato, Opel Movano und Peugeot Boxer.

Tychy – Antriebsstrangwerk

Das Antriebsstrangwerk in Tychy produzierte im Jahr 2024 mehr als 474.000 Antriebseinheiten.

Skoczów – Gießerei Teksid Iron Poland im

Die Gießerei in Skoczów ist Teil des umfassenden Energiewende-Programms von Stellantis für seine polnischen Standorte.

Dies ist ein wichtiger Punkt: In Polen befindet sich keine einzelne, isolierte Anlage, sondern ein integriertes Produktionszentrum innerhalb des europäischen Netzwerks von Stellantis – das sowohl die Endmontage als auch die Komponentenfertigung abdeckt.

Polen zieht zudem seit langem große Automobilmarken als Standort für Produktionsstätten und Technologiezentren an. Dieser allgemeine Trend zeigt sich in Toyotas Investition in Breslau, der Entscheidung von Mercedes-Benz, die Produktion des e-Sprinter nach Jawor zu verlagern, sowie der Entscheidung von MAN, die Produktion nach Polen zu verlegen.

Stellantis unter Druck: Was passiert innerhalb des Konzerns?

Die Gespräche mit BYD finden vor dem Hintergrund gravierender operativer Herausforderungen für Stellantis in Europa statt. Medienberichten zufolge prüft der Konzern verschiedene Optionen für einige seiner nicht ausgelasteten europäischen Werke, darunter Verkäufe, Partnerschaften oder die Bereitstellung von Produktionskapazitäten für Dritte. In diesem Zusammenhang wurden Standorte wie Rennes in Frankreich, Cassino in Italien und Madrid in Spanien genannt. Besonders schwierig ist die Lage der Stellantis-Werke in Italien. In der letzten zwei Jahren ist die Produktion dort um die Hälfte zurückgegangen, während die Werke mit weniger als 50 % und in einigen Fällen sogar mit weniger als 30 % ihrer Kapazität liefen.

Auch das Werk in Tychy in Polen hat den Druck zu spüren bekommen. Im Jahr 2025 wurde die Produktion in der Anlage vorübergehend reduziert oder eingestellt, um die Produktion an die Nachfrage auf dem europäischen Markt anzupassen.

Stellantis hat bereits erste Schritte in Richtung Umstrukturierung unternommen. Das Unternehmen hat die Zusammenarbeit mit dem chinesischen Hersteller Leapmotor ausgebaut und bereitet sich laut Branchenangaben darauf vor, Leapmotor-Modelle in Spanien zu produzieren. Offiziell haben die Unternehmen zudem bestätigt, dass sie eine zusätzliche Produktionslinie in Figueruelas/Saragossa für ein neues elektrisches Opel-Modell prüfen.

BYD hat jedoch deutlich gemacht, dass es die übernommenen Werke lieber eigenständig führen möchte, ohne Joint Ventures zu gründen. Dies ist ein wesentlicher Unterschied und könnte die Verhandlungen sowohl mit den europäischen Partnern als auch mit den Gewerkschaften, die Beschäftigungsgarantien fordern, erschweren.

Steht Polen auf dem Radar? Risiken und Chancen für Investoren

Keines der polnischen Werke von Stellantis ist derzeit offiziell für eine Umstrukturierung vorgesehen, und keines von ihnen wurde im Rahmen der Gespräche mit BYD genannt. Es sei jedoch daran erinnert, dass vor nur wenigen Monaten Werke wie Rennes und Cassino in diesem Zusammenhang ebenfalls nicht öffentlich erwähnt wurden.

Für Investoren und Unternehmer, die in Polen tätig sind, hat dies mehrere praktische Auswirkungen. Unternehmen aus der Automobilzulieferbranche sollten Veränderungen bei den Eigentumsverhältnissen und der Produktion ihrer Kunden genau beobachten. Die Erfahrungen aus Ungarn – wo die chinesischen Batterielieferanten CATL und KunlunChem Werke in der Nähe der BYD-Fabrik errichtet haben – zeigen, dass ein chinesischer Investor seine eigene Lieferkette mitbringen und so die Abhängigkeit von lokalen Zulieferern schrittweise verringern könnte.

AUSWIRKUNGEN FÜR INVESTOREN

Drei Sektoren in Polen vor Veränderungen

Automobil-komponenten

Beobachten Sie Eigentümer- und Produktionsveränderungen bei Ihren Kunden. Ein chinesischer Investor könnte seine eigene Lieferkette mitbringen — wie CATL und KunlunChem in der Nähe der BYD-Fabrik in Ungarn zeigen.

Industrieimmobilien und Logistik

Ein Eigentümerwechsel oder eine Änderung des Produktionsprofils schafft neue Nachfrage nach Lager-, Transport- und Zolldienstleistungen sowie damit verbundenen industriellen Dienstleistungen. Restrukturierung kann neue Chancen eröffnen.

Beratung, Recht und Buchhaltung

Die bevorstehende Welle von Restrukturierungen und Übernahmen könnte die Nachfrage nach Unternehmensstrukturierung, Compliance und Steueroptimierung erhöhen — insbesondere von Unternehmen, die ausländische Firmen betreuen.

Investoren im Bereich Industrieimmobilien und Logistik könnten ihrerseits in jedem Restrukturierungsprozess potenzielle Chancen erkennen. Ein Eigentümerwechsel oder eine Änderung des Produktionsprofils schafft in der Regel neue Nachfrage nach Lager-, Transport- und Zolldienstleistungen sowie damit verbundenen industriellen Dienstleistungen.

Für Beratungs-, Rechts- und Wirtschaftsprüfungsgesellschaften – insbesondere solche, die ausländische Unternehmen in Polen betreuen – könnte die bevorstehende Welle von Restrukturierungen und potenziellen Übernahmen im Automobilsektor die Nachfrage nach Unterstützung bei der Unternehmensstrukturierung, der Einhaltung gesetzlicher Vorschriften und der Steueroptimierung steigern.

Der regulatorische Kontext: Die EU bleibt nicht untätig

Die Expansion chinesischer Hersteller in Europa stößt auf wachsenden regulatorischen Widerstand. Die Europäische Union führt ein Verfahren bezüglich des BYD-Werks in Ungarn durch und untersucht mögliche illegale Subventionen seitens der chinesischen Regierung. Zudem wird an einem „Made in Europe“-Regulierungspaket gearbeitet, das den Schutz der europäischen Automobilindustrie stärken soll.

Für ausländische Investoren, die ein Engagement im Automobilsektor in Polen in Betracht ziehen, ist dies ein wichtiges Signal: Die regulatorischen Rahmenbedingungen ändern sich. Investitionsentscheidungen, die heute getroffen werden, sollten nicht nur im Hinblick auf aktuelle Marktchancen, sondern auch im Hinblick auf Risiken bewertet werden, die sich in den nächsten 12 bis 24 Monaten materialisieren könnten.

REGULATORISCHES RISIKO · 12- BIS 24-MONATS-HORIZONT

Die regulatorischen Rahmenbedingungen in der EU ändern sich

Die EU führt ein Verfahren bezüglich des BYD-Werks in Ungarn durch und untersucht mögliche illegale Subventionen seitens der chinesischen Regierung. Zudem wird an einem „Made in Europe“-Regulierungspaket gearbeitet. Investitionsentscheidungen, die heute getroffen werden, sollten nicht nur im Hinblick auf aktuelle Marktchancen, sondern auch im Hinblick auf Risiken bewertet werden, die sich in den nächsten 12 bis 24 Monaten materialisieren könnten.

Was sollten Investoren in Polen jetzt tun?

In den kommenden Monaten werden wichtige Entscheidungen über mögliche Übernahmen europäischer Werke durch BYD erwartet. Gleichzeitig bauen Xpeng, Geely und Chery ihre Produktionspräsenz auf dem Kontinent aus. Europa steht vor einer Phase tiefgreifender Umstrukturierungen im Automobilsektor, und Polen – mit vier Stellantis-Werken und einer umfangreichen Zulieferbasis – ist Teil dieses Wandels und nicht nur ein Beobachter.

Die Beobachtung von Ankündigungen von Stellantis und BYD, die Beachtung der EU-Automobilvorschriften und die regelmäßige Analyse der Auswirkungen von Veränderungen in der Lieferkette sollten das Minimum für jeden Unternehmer sein, dessen Geschäft direkt oder indirekt mit der Branche verbunden ist. Unserer Ansicht nach sollten in Polen tätige Unternehmen sowohl die Risiken als auch die Chancen, die sich aus diesem Wandel ergeben, frühzeitig bewerten. Für einige Unternehmen kann die Umstrukturierung der europäischen Automobilindustrie Druck auf bestehende Verträge und Lieferketten bedeuten. Für andere könnte sie die Tür zu neuen industriellen, logistischen und investitionsbezogenen Möglichkeiten in Polen öffnen.

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